Donnerstag, 26. Juni 2014

Gewissensbisse

Ich komme aus einem klitzekleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Der Vater meiner damals besten Freundin war Bauer und dementsprechend kam ich von Kindesbeinen an mit der Landwirtschaft in Kontakt. Wir stromerten über Wiesen, pflückten Maiskolben direkt im Feld, veranstalteten Mutproben im Bullenstall und schöpften Frischmilch, manchmal noch euterwarm, direkt aus dem Kühlfass. Die Oma meiner Freundin machte die Butter selbst. Bei der Heuernte durften wir auf den Traktoren mitfahren. Ich habe mehr als eine Kälbchengeburt miterlebt.
Ich habe fast romantische Erinnerungen an meine Kindheit auf dem Land. Wenn ich an meine Heimat denke, sehe ich gelbe Rapsfelder und schwarzbunte Kühe auf grünem Gras. 

In letzter Zeit habe ich mich – eher aus diät-technischen Gründen – mit dem Thema „Ernährung“ beschäftigt.
Und da bin ich vom Hundertsten ins Tausendste geraten, denn wenn man damit anfängt, landet man auch irgendwann bei tiefergehenden Themen, die sich nicht nur um Kalorien und Gesundheit drehen. Derzeit lese ich „TIERE ESSEN“ von Jonathan Safran Foer. Zuvor habe ich „Anständig essen“ von Karen Duve gelesen. 


Das Buch von Karen Duve finde ich klasse und möchte es allen ans Herz legen. Duve – ich glaube, man darf die deutsche Autorin als ebenso verfressen wie tierlieb bezeichnen - schildert darin einen Selbstversuch, innerhalb eines Jahres zunächst vegetarisch und dann vegan zu leben, um das Experiment als Frutarier zu beenden. Neben humorvollen Anekdoten schildert Duve allerdings auch die grausamen Verhältnisse, die mit unserem übermäßigen Konsum tierischer Produkte einhergeht.
 
Viele sagen an dieser Stelle „Das will ich lieber gar nicht wissen!“. Aber ist dies eine richtige, geschweige denn intelligente Reaktion?
Als Kind hat man sich die Augen zugehalten, im Glauben, man selbst würde so nicht gesehen werden. Das dies ein lächerlicher Trugschluss ist, lernt man mit der Zeit. Die Dinge passieren trotzdem, auch wenn man wegschaut. Sie passieren, denke ich, sogar erst recht, wenn man wegschaut, sind sie doch fast Freibrief für die Handelnden.
 
Massentierhaltung ist Standard in Deutschland und was dieser eher harmlos anmutende Begriff WIRKLICH bedeutet, ahnt man nicht.
Für jedes tierische Produkt auf unserem Teller muss ein Lebewesen leiden. FAKT. Es wird ausgebeutet oder getötet, oft auch beides nacheinander, das lohnt sich dann noch mehr.
Inwieweit man dies mittragen kann und möchte, muss ein jeder für sich entscheiden. Jedes Stück Steak, jede Dose Thunfisch, ja selbst jeder Becher Joghurt und jedes Glas Milch bedeutet vielfältige Qualen für fühlende Geschöpfe. Ich denke seitdem an fast nichts anderes.

Ich habe meinen geringen Fleischverzehr jetzt bewusst eingestellt. Darauf kann ich nicht gerade stolz sein, da ich ohnehin wenig konsumiert habe und mir der Verzicht nicht schwer fällt. Jetzt ringe ich mit mir, wie ich meine geliebten Milchprodukte ersetzen kann und was ich statt Fisch essen soll.
 
VEGAN heißt mein langfristiges Ziel. Das kann nur das Ziel sein, wenn man achtsam und mitfühlend sein möchte. Mir ist klar, wie schwierig das ist, wenn man Wurst und Käse gewohnt ist, wenn einem Sahnetorte oder Lachs schmecken. 
Aber heiligt der Zweck die Mittel?
 
Darf ich einfach so ein Stück aus einem ohnehin geschundenen Lebewesen rausschneiden, damit mir sein Fleisch 15 Minuten schmeckt?
Darf ich ein Glas Milch trinken, wenn das bedeutet, dass einer jungen Tiermutter das Baby weggenommen wird (davon mal abgesehen, dass die Kuh ohnehin als Gebärmaschine ausgenutzt wird und ihr geraubtes Kälbchen bei der Gelegenheit direkt als Schnitzel endet)?
Darf ich mein Haupt auf ein weiches Kissen betten, in dem Federn stecken, die einem buchstäblichen Unglücksvogel bei lebendigem Leib ausgerissen worden sind (denn ein totes Tier kann man schließlich nur einmal ernten)?
Darf ich die Schäden an Natur und Tier hinnehmen, damit sich andere bereichern und ich lecker essen kann?
Darf ich? Will ich?

Dass Tiere Gefühle und sogar unterschiedliche Charaktere, regelrechte Persönlichkeiten, haben, wird spätestens jeder Haustierhalter bestätigen. Und das dem so ist, beschränkt sich wohl kaum nur auf Hunde und Katzen.
 
Natürlich, niemand will ernsthaft, dass Tiere gequält werden. Aber das ist, was passiert. Und das ist es, was wir passieren lassen. Die Hühnerbrust auf dem Teller hat einen grausamen Weg hinter sich, und der erlösende Tod ist daran vielleicht noch der beste Part fürs Tier. Und nichts davon erscheint mir richtig.

Ich bin so gespannt auf eure Meinungen (und Erfahrungen) zu dem Thema!

Nachdenkliche Grüße, Frau Nord

Kommentare:

  1. Liebe Frau Nord, bei deinen Zeilen wird man sehr nachdenklich... Ich lese auch immer wieder solche Bücher oder gucke entsprechende Dokus, aber die Kurve hab ich noch nicht gekriegt. Vorallem beim veganen Backen wäre ich wohl sehr unsicher... Liebste Grüße emmalotta

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  2. Guten Morgen, ein super interessantes, wenn auch sehr trauriges Thema. Ich habe "Anständig essen" auch gelesen und danach einige Wochen versucht, vegetarisch zu essen. Aber wenn die Gedanken an das Buch und damit auch die Lebensumstände der Tiere später wieder in den Hintergrund rücken wenn das Buch ausgelesen ist, landet doch wieder etwas Fleisch auf dem Teller oder Milch im Kaffee. Im Moment versuche ich auf Fleisch zu verzichten, hin und wieder esse ich Fisch, was natürlich auch nicht konsequent ist. "Tiere essen" werde ich garantiert auch noch lesen. Ich bin auch der Meinung, dass Veganismus der einzige Ausweg sein kann, wobei ich auf Honig niemals verzichten könnte und auch nicht möchte. Liebe Grüße, Viola

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♥-lichen Dank für Deine lieben Worte!